Das alte Soulac und “entsandete” Bunker bei Quiche mit Salat

Trotz Gewitterwarnung (die Veranstaltung war im Freien geplant) waren mehr als 40 interessierte Europäer, in erster Linie Franzosen und Deutsche, gekommen, um sich von dem 83-Jährigen Jean-Paul Lescorce mitreißen zu lassen.

Und so war es auch. Der zauberhafte Garten des Maison Artemis war gefüllt mit Menschen jeden Alters. Florence, Besitzerin des Maison d‘Artemis, hatte die Tische in gebührendem Abstand aufstellen können, Christian von Médoc-actif brachte das Mikrophon zum Klingen und Jean-Paul machte sich hinter einem Tisch bereit, Teile seines Lebens und seine Leidenschaft mit uns zu teilen: Geschichten vom alten Soulac, von der versandeten Basilika, vom Eisenbahnprojekt „Gare de Soulac“. Vor allem aber präsentierte er detaillierte Kenntnisse vom Bau, der größenwahnsinnigen Ausstattung und dem Schicksal der 350 Bunker an der medocinischen Atlantikküste. Damit zog er alle in seinen Bann.

Jean-Paul wurde als 6-Jähriger das Maskottchen der Soldaten der deutschen Kriegsmarine in Soulac. Die Soldaten adoptierten den Bengel schnell. Und so war der Junge fast überall dabei und hatte Zugang zu geheimen Plätzen der Wehrmacht, auch zu den Bunkern. Das Café, das Jean-Pauls Eltern besaßen, wurde von den deutschen Soldaten requiriert und – wie so viele Hotels und geräumige Privathäuser – auch von ihnen bewohnt. So teilte sich die Familie Lescorce ihren Lebensraum für einige Jahre mit den Soldaten der Kriegsmarine. Wenn Jean-Paul von dieser Zeit erzählt, spricht er fast liebevoll von den Deutschen als Männern, die sich nach ihren Familien, Frauen, Kindern oder Eltern sehnten (aber dennoch Krieg führten!).

Jean-Paul weiß alles über das alte Soulac. Kein Detail fehlt: von den Kriegsjahren im Medoc, vom Lauf der Gezeiten und von der Erosion der Küste. Begleitet wurde sein Interesse für seinen Heimatort mit dem Sammeln alter Postkarten. Schließlich entschloss er sich, sein Wissen und seine Erinnerungen zusammen mit den alten Postkarten in Büchern zu veröffentlichen. Diese Bücher, seine Berichte, sein Wissen, sein Humor und seine sehr persönlichen Erfahrungen wurden über die Grenzen Frankreichs hinaus ebenso bekannt wie sein Engagement, die Bunker begehbar und für Besichtigungen zugänglich zu machen. Das hieß, sie Eimer für Eimer vom Dünensand zu befreien, der sie im Laufe der Zeit zugeschüttet hatte. Fernsehen und Presse in Deutschland, Belgien (und natürlich auch in Frankreich) sind interessiert an ihm. Er trägt einen wichtigen und persönlichen Teil der Geschichte des Médoc in sich, der nirgendwo anders zu erfahren ist.

Nach über einer Stunde Erzählung, Fragen und Antworten wurde der Abend gemütlich und kulinarisch. Florence brachte Quiches, Salate, Wein und Wasser an die Tische, Jean-Paul signierte Bücher und die Anwesenden diskutierten die dramatischen Ereignisse der Vergangenheit. Leckeres Essen, ein trockener Himmel, Stimmengewirr, Zufriedenheit, Lachen und Staunen bezeugen einen gelungenen Abend.

Gunhild Lorenzen (Soulac)

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